Wie Elon Musk uns den Blick auf die Milchstraße verdirbt

Die Milchstraße über der Burg Landskrone in Oppenheim. (Foto: Andreas Lerg)

Der Anblick der Milchstraße ist sicher etwas sehr Beeindruckendes. Selbst in Regionen wie der unseren – ich rede vom Rhein-Main-Gebiet – wo man diese gigantische Erscheinung am Nachthimmel wegen der „Lichtverschmutzung“ auf der Erde weniger gut sehen kann, als in sehr dunklen Regionen, ist der Anblick immer noch toll. Und natürlich übt die Milchstraße auch auf Fotografen einen großen Reitz aus, diese in Szene zu setzen. Denn man kann bei den Aufnahmen in der Nachberabeitung die Milchstraße auch in unserer „lichtverdreckten“ Gegend immer noch sehr schön herausarbeiten.



Genau das habe ich im April auch gemacht, als das Zentrum der Milchstraße nachts zwischen circa 2:30 und 4 Uhr halbwegs hoch am Nachthimmel stand, sodass sich Aufnahmen lohnen. Deshalb war ich also spät nachts mit meiner Nikon D750 mit dem Sigma 14-24mm F2,8 DG HSM Art darauf auf dem Stativ oben an der Landskrone vor Ort. Die Absicht war, die Milchstraße über der altehrwürdigen Burgruine in Szene zu setzen. Ein Ergebnis siehst Du hier als Aufmacherbild dieses Blogbeitrages.

Was sind das für komische Streifen?

Ich habe mit längeren Belichtungszeiten von 15 bis 25 Sekunden gearbeitet. Längere Belichtungszeiten funktionieren nicht, weil Du dann durch die Drehung der Erde statt der Sterne als Lichtpunkte irgendwann „Startrails“ bekommst, also die Sterne als gebogene Linien dargestellt werden. Auch ein netter Effekt, aber bei der Milchstraße willst Du ja punktförmige Sterne haben.

Schon bei den ersten Aufnahmen, die ich auf dem Kameradisplay betrachtet habe, fielen mir gerade Striche am Himmel auf. Immer mehrere hintereinander. Was sind das für komische Striche? Das habe ich mich gefragt. Aus mehreren Gründen kann man Flugzeuge ausschließen: 1. Die Positionslampen von Flugzeugen blinken, du bekommst also eine Art gepunktete Lichtspur am Himmel, aber eben keinen durchgehenden Strich. 2. Es war absolut nichts zu hören, was nach einem entfernten Flugzeug klang. 3. Um diese Uhrzeit herrscht in Frankfurt Nachtflugverbot. 4. Es „war Corona“, also es wurde grundsätzlich fast gar nicht (mehr) geflogen.

Also fragte ich mich erst recht, was diese komischen Striche waren, die ich im Prinzip auf fast jedem Bild hatte. Nicht nur das, Du konntest die über den Himmel wandernden Lichtpunkte auch problemlos mit dem bloßen Auge sehen und verfolgen. Nachdem ich durch das Betrachten der Aufnahmen auf dem Kameradisplay einmal wusste, wo ich hinschauen muss, fielen mir die wandernden Lichtpunkte ab dann permanent auf.

Auf meinem iPhone habe ich die App „Night Sky“, die für Astronomie-Fans und „Sternengucker“ gemacht ist. Sie zeigt Dir an, welche Sternbilder und Himmelskörper Du über dir siehst. Du kannst mit dem iPhone in die gewünschte Richtung zielen und siehst auf dem Display, was sich da über Dir am Himmelszelt befindet. Und diese App kennt eben nicht nur die Himmelskörper, die der Liebe Gott für uns an den Himmel gehängt hat. Sie kennt auch alles, was der Mensch in die Umlaufbahn um seinen Heimatplaneten geschossen hat. Und mit dieser App bin ich sozusagen auf die Jagd nach diesen in regelmäßigen Abständen über den nächtlichen Himmel wandernde Lichtpunkte gegangen. Und ich wurde auch sofort fündig!

Starlink XXXX

Jeder der wandernden Lichtpunkte wurde als „Starlink“ gefolgt von einer vierstelligen Nummer identifiziert. Starlink? Hier hilft Wikipedia weiter: „Starlink ist ein vom US-Raumfahrtunternehmen SpaceX unter Elon Musk und Gwynne Shotwell geplantes weltumspannendes Satellitennetzwerk, das ab Ende 2020 Internetzugang in Nordamerika bieten soll, 2021 dann fast weltweit.[1] Mittlerweile befinden sich mehrere hundert Starlink-Satelliten im Erdorbit, womit SpaceX der weltweit größte kommerzielle Satellitenbetreiber ist.

Bislang hat das Unternehmen SpaceX von Elon Musk „nur“ mehrere hundert Satelliten für das Projekt in eine Erdumlaufbahn von 550 Kilometer Höhe geschossen. Ich sage nur, weil Space X bereits die Genehmigung hat, bis zum Jahr 2027 knapp 12.000 dieser Satelliten ins All zu schießen. Und im endgültigen Ausbau will SpaceX sogar neben den knapp 12.000 noch mal 30.000 weitere dieser Dinger im Erdorbit kreisen lassen.

Die App Night Sky zeigt Objekte am Himmel an – auch die, die der Mensch dort „geparkt“ hat. Klickt man auf das „I“ an dem Objekt ….

Hier noch mal ein Zitat aus Wikipedia dazu, in dem der Ausbau bis zu den 12.000 Satelliten beschrieben wird: „In einer ersten Ausbaustufe sind bis zu 1.584 Satelliten in 550 Kilometer Höhe vorgesehen, bei der je 22 Satelliten auf 72 Bahnebenen mit 53° Inklination verteilt werden. Im zweiten Schritt sollen bis zu 2.825 weitere Exemplare in 540–570 km Höhe folgen. Im dritten Schritt möchte SpaceX bis zu 7.518 Satelliten in Polarorbits in 340 Kilometer Höhe befördern.“

Mit anderen Worten, wenn das Projekt von Space X tatsächlich „bis hinten gegen“ komplett umgesetzt wird, kreisen über 40.000 dieser Starlink-Satelliten um unsere Erde. Elon Musk will ein die ganze Erde umspannendes Netz seiner Starlink-Setelliten um unsere blaue Kugel legen und damit sozusagen jeden Winkel der Erde mit Internet versorgen zu können.

… werden entsprechende Details angezeigt.

Der Blick auf den Sternenhimmel wird es so nicht mehr geben

Und jetzt schau Dir mal an, wie sich die noch sehr kleine Teilmenge der bislang „nur“ wenigen hundert Starlink-Satelliten, die bereits im All sind, auf meine Aufnahme des Nachthimmels ausgewirkt haben. Ich habe diese Dinger in der Nacht quasi durchgängig sehen können. Auch in der nächsten Nacht, als ich am Strandbad in Oppenheim abermals die Milchstraße fotografiert habe, hab ich die wandernden Lichtpunkte wieder beobachten und eben auch ablichten können.

Und jetzt stellt Dir mal vor, wie unser Nachthimmel aussieht, wenn im Jahr 2027 die 11.927 bislang genehmigten Starlink-Satelliten da oben um die Erde kreisen! Sehen wir dann die Sterne vor lauter Starlinks noch? Sehen wir das Sternbild „Großer Wagen“ und all die anderen dann noch? Sehen wir dann die wunderschöne Milchstraße noch?

Oder sehen wir dann nur noch eine Armada von „Starlink-Glühwürmchen“ die über den Nachthimmel wuseln? Und wie wird das dann, wenn im Endausbau die über 40.000 Starlink-Glühwürmchen im Orbit kreisen? Ich will es mir nicht ausmalen. Muss man ja auch gar nicht, eine erste Vorahnung von dem Bild, das sich uns dann bietet, siehst Du hier in meinem Blogbeitrag!

LEOs und GEOs oder: Warum sieht man die Starlink-DINGER überhaupt?

Stellt sich zum Schluss noch die alles entscheidende Frage, warum man diese Dinger überhaupt sieht. Das hat mit deren Umlaufbahn um die Erde zu tun, denn die Starlink-Satelliten von Elon Musk sind „LEOs“. LEO steht für „Low Earth Orbit“. Damit sind erdnahe Umlaufbahnen gemeint, die in einer Höhe zwischen 200 und 2000 Kilometer angesiedelt ist. Diese Umlaufbahnen sind nicht „geostationär“, sie stehen also nicht dauerhaft stabil über der immer gleichen Stelle unseres Globus. Sprich die Satelliten umkreisen die Erde schneller – mit einer höheren Winkelgeschwindigkeit -, als die Erde sich dreht. Damit sind sie als sich bewegende Objekte am Himmel erkennbar. Sie ziehen ihre Bahnen und nachts kann man sie als Lichtpunkte sehen. Das nicht, weil sie etwa starke Lampen an Bord haben, sondern weil sie von der Sonne angestrahlt werden. Die Sonne ist bei uns hier unten auf der Erde nachts hinter dem Horizont versunken, sie wird also quasi von der Erde verdeckt und deshalb ist es nachts eben dunkel. Die LEOs aber sind so hoch über der Erdoberfläche, dass sie sozusagen „hinter den Horizont schauen können“ beziehungsweise die Sonne sie eben anstrahlt. Das Licht wird reflektiert und deshalb sehen wir sie als leuchtende Punkte.

Anders ist das bei den GEOs. GEO steht für „Geostationary Earth Orbit“. Diese Satelliten befinden sich in knapp 35.800 Kilometern Höhe auf einer stabilen Kreisbahn um die Erde. Sie drehen sich also mit der genau gleichen Winkelgeschwindigkeit wie die Erde und bleiben damit stabil an der gleichen Stelle über der Erde stehen, und zwar über dem Äquator, um genau zu sein. Ein sehr gutes Beispiel sind die Fernsehsatelliten beispielsweise der Astra-Serie. Der Fernsehgenuss wäre keiner, wenn die Dinger nur alle paar Stunden für ein oder zwei Minuten über deinem Haus vorbeisausen würden. Weil sie aber geostationär an der immer gleichen Stelle des Nachthimmels stehen, kannst Du sie mit der TV-Schüssel auf Deinem Dach anvisieren und damit stabil und dauerhaft Fernsehprogramme empfangen.

Diese GEOs sieht man aus zwei Gründen nicht. Zunächst, weil sie sich nicht bewegen, sondern starr am Himmel stehen. Sie wären sowieso nicht als bewegtes Objekt wahrnehmbar. Und selbst wenn sie von der Sonne angestrahlt werden und deren Licht tatsächlich über die mehr als 35.000 Kilometer bis zur Erde reflektieren würden, wären sie eben höchstens als stabiler Lichtpunkt – eher als Lichtpünktchen – am Himmel zu sehen und damit nicht von den Sternen zu unterscheiden.

Mir graut es vor der Masse an Starlink-Satelliten, die in nicht all zu ferner Zukunft über unsere Köpfe sausen und die den Anblick des Nachthimmels für immer verändern werden. Dann haben wir die Lichtverschmutzung nicht nur hier auf der Erde, sondern auch im All. Und Space X ist noch nicht einmal das einzige private Unternehmen, das an solchen Projekten arbeitet. Weitere sind OneWeb (588 Satelliten) Telesat (292 Satelliten) und Amazon (3236 Satelliten) haben ähnliches vor, wenn auch vielleicht nicht in diesem Ausmaß wie Sapce X.

Linktipp zum Thema: http://www.saveournightsky.com

  • Blende: ƒ/2.8
  • Kredit: Andreas Lerg
  • Kamera: NIKON D750
  • Aufgenommen: 22 April, 2020
  • Blitz: Nein
  • Brennweite: 14mm
  • ISO: 3200
  • Verschlusszeit: 20s

%d Bloggern gefällt das: