LemonOne – Ausbeutung von Fotografen?

September 25, 2020 Werkzeug

Derzeit gibt es verschiedene digitale Agenturen, die Aufträge von Unternehmen, die Fotos brauchen, an Fotografen vermitteln. Da wäre Boom (Italien) oder Meero (Frankreich) und eben LemonOne aus Berlin. Das Ganze geschieht bei diesen Anbietern ganz modern digital auf entsprechenden Webseiten/Plattformen mit Algorithmen, die einem Fotografen, der für einen Fotoauftrag geografisch in der Nähe ist und auf der Plattform im Kalender passend freie Zeiträume eingetragen hat, einen Auftrag zuweist und anbietet. Akzeptiert der Fotograf den angebotenen Auftrag, macht er die entsprechenden Fotos.

Um die Bearbeitung der Bilder und die Auslieferung an den eigentlichen Auftraggeber muss der Fotograf sich nicht kümmern, er muss sie nur als RAW-Dateien auf der Plattform hochladen – und dabei in der Regel fast alle seine Rechet abtreten. Den Rest macht die Agentur. Am Monatsende stellt der Fotograf seine Aufträge in Rechnung und bekommt sein Honorar überwiesen. Das ist eigentlich durchaus eine gute Idee. Als Fotograf konzentrierst Du dich auf das Fotografieren, die Abwicklung, das Rechnungswesen und Inkasso etc. erledigt der Dienstleister.

Wer verdient wie?

Die Agentur verdient in zweierlei Hinsicht. Zum einen dadurch, dass sie vom Auftraggeber des Fotoshootings eben den verlangten Preis kassiert, davon einen bestimmte Prozentsatz als Umsatz/Einnahme behält und quasi den Rest an den beauftragten Fotografen ausbezahlt. Der Fotograf bekommt für den Auftrag das Honorar. Und hier setzt meist der zweite oder der eigentliche Hebel an, mit dem der Dienstleister seinen Gewinn maximiert. Und der sieht so aus, dass man die Fotodienstleistung möglichst günstig einkauft.

Das könnte man doch mal testen und abklopfen, ob es was taugt, habe ich mir Anfang des Sommers gedacht und mich mal bei mehreren dieser Plattformen angemeldet. Der Ablauf ist im Prinzip überall der Gleiche: Du meldest dich für ein bestimmtes Fotothema an, beispielsweise „Food“ oder „Lifestyle“ oder auch „Real Estate“ (Immobilien). Diese Kategorie habe ich bei den Plattformen gewählt, die ich für meinen Test ausgesucht habe. Du wirst dann um ein Probeshooting mit bestimmten Vorgaben gebeten, mit dem Du zeigen sollst, ob Du entsprechende Qualität liefern kannst.

Meine – kurze – Erfahrung mit LemonOne

Ich will hier und heute über meine – sehr kurze – Erfahrung mit dem deutschen Anbieter und Berliner Startup „LemonOne“ berichten. Die Plattform wirbt auf ihrer Seite für Fotografen mit Sprüchen wie „Ihr nächster Fotoauftrag ist nur einen Klick entfernt“ oder „Treten Sie der Lemon One-Community bei und überlassen Sie uns die Auftragsakquise!“ Auf der Kundenseite findet man Slogans wie: „Fotos, die Ihre Kunden lieben werden“ und „LemonOne. Die führende Plattform für professionelle Fotografie.

Weitere Texte auf der Fotografen-Seite erläutern: „LemonOne hilft Ihnen, Ihre Einnahmen aus Fotos und Videos zu erhöhen. Verschwenden Sie nicht länger Zeit mit der Suche nach neuen Aufträgen. Melden Sie sich einfach bei uns an, und wir vermitteln Ihnen zusätzliche Aufträge. Sie können sich so auf Ihre eigentliche Stärke konzentrieren – das Einfangen besonderer Momente.“ Und weiter: „Als selbstständiger Fotograf haben Sie die volle Kontrolle über Ihre Verfügbarkeit. Sie teilen uns Ihre freien Ressourcen mit, und wir kümmern uns um das passende Angebot für Sie. Mit unserem intelligenten Planungstool finden wir Aufträge in Ihrer Nähe. Sie müssen keine längeren Strecken reisen und bleiben flexibel.

Die Idee dahinter ist wie schon gesagt durchaus gut. Du als Fotograf kannst mit LemonOne quasi Leerlaufzeiten mit kleineren Fotoaufträgen füllen. Und die richten sich nicht nur an Berufsfotografen, im Prinzip können sich auch ambitionierte Hobbyfotografen anmelden und so mit ihrem Hobby etwas Geld verdienen, um das vielleicht in die eigene Fotoausrüstung zu investieren.

Also habe ich mich dort als Fotograf angemeldet und bekam wie beschrieben den Auftrag, ein Probeshooting im Themenbereich Immobilien zu machen. Nachdem ich – Corona-bedingt mit etwas zeitlichem Anlauf – das Probeshooting Anfang September eingereicht hatte, wurde dieses dann recht schnell akzeptiert und mir eine Zusammenarbeit angeboten. Gut, probieren wir es aus.

Heute kam dann doch tatsächlich die erste E-Mail mit dem ersten Auftragsangebot. Hier die entsprechende Mail als Screenshot. Lies Dir diese Mail mal durch. Vor allem die Zeile „Du verdienst“.

Für ein Fotoshooting, das eine Stunde dauern soll, wird dort eine Bruttosumme von 34,96 Euro angeboten. Und zwar EINSCHLIESSLICH der Fahrtkosten! Das wollen wir uns jetzt mal ganz genüsslich rechnerisch auf der Zunge zergehen lassen.

  1. Zunächst mal die inkludierten Fahrtkosten. Nehmen wir einfach mal die gesetzliche Kilometerpauschale von 30 Cent. Ich muss die in der E-Mail angegebenen „22.42“ Kilometer nach Hochheim hin und wieder zurück fahren. Macht 44,84 Kilometer mal 0,30 Euro = 13,45 Euro. Von den angebotenen 34,96 Euro ziehen wir also diese 13,45 Euro Fahrkosten ab. Dann bleiben 21,51 Euro übrig, die für das eigentliche Shooting anzurechnen sind.
  2. Für diese 21,51 Euro reise ich mit dem im Auftrag geforderten Objektiv „16 – 20 mm“, also meinem  Sigma 14-24mm F2,8 DG HSM Art an. Einkaufspreis derzeit im Schnitt 1300 bis 1400 Euro. Und das ist dann natürlich an meiner Nikon D750 montiert. Marktpreis derzeit etwa 1100 bis 1200 Euro. Von dem ganzen Kleinkram wie Stativ mit entsprechend vernünftigem Stativkopf etc., der ja auch ein Paar Euro kostet, wollen wir garnicht erst reden. Das bedeutet, ich komme da mit einer Ausrüstung im Wert von minimal 2700 Euro an, wenn ich den ganzen Rest an Objektiven und Zubehör zuhause lasse. Einer Ausrüstung, die ich selbst finanziere.
  3. Jetzt kommen noch die anzusetzenden Kosten. Nehmen wir hier mal „nur“ Steuern und Sozialabgaben. Von diesen 21,51 Euro muss man als freiberuflicher Fotograf dann natürlich eben genau diese Steuern und Sozialabgaben abrechnen. Und die Umsatzsteuer käme auch noch dazu, auch wenn man die verrechnen und steuerlich absetzen kann. Lassen wir aber der Einfachheit halber die Umsatzsteuer mal weg – beispielsweise weil man die Kleinunternehmerregelung benutzten würde – und kalkulierten 40 % bei Steuerklasse 1 an Steuern und Sozialabgaben. Was bleibt dann von den 21,51 Euro übrig? Dann bleiben gerundet 12,91 Euro übrig.

Was LemonOne macht, ist meiner Meinung nach unseriös

Hier zeigt sich sehr deutlich, das LemonOne seinen Umsatz, seinen Gewinn voll und ganz auf dem Buckel der Fotografen macht, denn dem Kunden, für den man diese Fotos machen würde, wird garantiert ein Vielfaches von dem in Rechnung gestellt, was als „schlechter Witz in Euro“ beim mir als Fotografen landen würde. Mag sein, dass man als regelmäßiger Fotograf bei denen irgendwann im Ranking steigt und etwas mehr Honorar bekommt. Aber wie hoch würde das steigen? In realistische und faire Konditionen? Wohl kaum.

Das, was mir da heute für brutto zwei Stunden Aufwand (1 Stunde Fahrzeit 1 Stunde Shooting) angeboten wurde, ist nicht nur ein Witz. Es ist eine unseriöse Frechheit. Es ist schlichtweg Ausbeutung. Und in Sachen Qualität habe ich mal einen ebenso derben wie wahren Spruch gehört: „Wer scheiße bezahlt, kriegt auch nur Scheiße geliefert“. Welcher Fotograf würde für diesen Hungerlohn wirklich das volle Engagement und seinen ganzen Enthusiasmus in das Shooting legen?

Machen wir uns zum Schluss noch den Spaß und tun mal so, als müsste ich meinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Fotograf bestreiten und ich hätte das Ziel, bei LemonOne auf einen monatlichen Umsatz von sagen wir mal 1000 Euro zu kommen. Ich rede jetzt von Umsatz, nicht von Gewinn. Nehmen wir also wieder die ursprünglichen 34,96 Euro aus der E-Mail und runden die großzügig auf 35 Euro auf. Demnach müsste ich im Monat 29 solcher 1-Stunden-Aufträge machen, um auf die 1000 Euro Umsatz zu kommen. Und neben der jeweils einen Stunde Fotoshooting kommen ja noch An- und Abreise als Zeitfresser dazu. Nach Hochheim sind es von mir – wenn „freie Bahn“ ist – grob 30 Minuten. Also eine Stunde An- und Abreise und eine Stunde Shooting. Das macht wie oben schon erwähnt zwei Stunden. Sprich die 1000 Euro Umsatz würden mich 60 Stunden Zeitaufwand im Monat kosten, wenn wir einfach mal davon ausgehen, dass bei allen Aufträgen die gleiche Fahrzeit anfällt. Und diese 29 Shootings müssen ja dann auch erst mal in der Region offeriert werden.

Gut, um die Sache abzuschließen, ich habe den Leuten, die sich in den E-Mails auch nicht persönlich/menschlich melden sondern mit „Beste Grüße
LemonOne“ unterschreiben, per E-Mail mitgeteilt, dass ich nicht an einer Zusammenarbeit interessiert bin und sie meinen Account direkt wieder löschen sollen. Der Testballon ist also geplatzt, bevor er richtig gestartet ist.

Das Problem hat noch eine „Metaebene“

Noch ein Gedanke ganz zum Schluss. Dieses Problem, diese Ausbeutung hat außerdem noch eine Metaebene. Sie macht für Fotografen die oft sowieso schon mageren Preise ganz kaputt. Wenn Kunden bei solchen Agenturen buchen und professionelle Shootings dort zu Discounter-Preisen einkaufen können, wird die Bereitschaft sinken, für anständige Arbeit auch angemessen zu bezahlen. Ruft ein freier Fotograf für einen Auftrag im Bereich Immobilien meinetwegen einen Preis von 800 Euro mit allem Drum und Dran (Briefing, Shooting vor Ort, Fahrtkosten, Nachberabeitung, Korrekturlauf, etc.) auf und der potentielle Kunde sagt „Der Dienstleister XYZ macht mir das aber pauschal für 250 Euro“, dann macht das auf Dauer eben die Preise endgültig kaputt und Fotografen können von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Und außerdem kommen wir hinten rum auch wieder bei „Wer scheiße bezahlt, kriegt auch nur Scheiße geliefert“ raus.

Damit nicht genug, denn im Prinzip nutzt LemonOne auch noch genau dieses Problem aus. Am Markt gibt es eine Schwemme an Fotografen und die Preise sind wie erwähnt alles andere als gut. Daher sind eben auch viele Fotografen nicht selten verzweifelt auf der Suche nach Aufträgen und entsprechend oft bereit, sich deutlich unter Wert zu verkaufen. Genau das nutzt LemonOne meiner Meinung nach und kauft die Leistung zu absoluten Schleuderpreisen ein. Wäre man etwas boshaft, könnte man das mit dem Freier vergleichen, der sich auf dem Straßenstrich das Vergnügen billigst möglich verschaffen will. Aber wir sind nicht boshaft. Festzustellen bleibt: Im Prinzip profitiert LemonOne – und vergleichbare Anbieter am Markt – genau davon, dass deren Geschäftsmodell die Preise für freie Fotografen noch weiter in den Keller treibt. Weil ich nicht vom Fotografieren lebe oder leben muss, konnte ich den Auftrag mit dem unverschämten Preisangebot ablehnen und meine Zusammenarbeit beenden, bevor sie wirklich begonnen hätte. Aber was ist mit dem Fotografen, der diesen Job auf freier Basis als Hauptbroterwerb betreibt oder das zumindest versucht?!

LemonOne wurde 2019 übrigens von Kapitalgebern finanziell ordentlich fit gespritzt und muss damit vermutlich vorerst nicht oder nur zum Teil von seinem zu Grunde liegenden Geschäftsmodell leben. Man kann sich also damit eventuell auch in Richtung der Auftraggeber mit günstigen Preisen attraktiv machen, am Markt eine gewisse „Wucht“ entwickeln und das Preisdumpingmodell etablieren oder verbreiten und damit die Spirale der verfallenden Preise für frei verkaufte Fotodienstleistungen ordentlich in Schwung halten oder bringen.

  • Kredit: Andreas Lerg

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